Das Viertel um den South Presa Strip im Süden von San Antonio/Texas ist das vergammelte abgefuckte Revier der Huren, Stricher, Diebe und Säufer. Und mitten drin vegetiert Doc, ein heroinsüchtiger ehemaliger Arzt, der sich mit Abtreibungen, sowie der Versorgung von Schuss- und Stichwunden das Geld für seine täglichen Rationen verdient. Immerhin muss er nicht auf den Strich gehen oder stehlen und rauben, so wie die sonstigen Kunden des Dealers Manny, der jeden Tag verlässlich hinten auf dem Parkplatz beim Schnapsladen steht und seine Ballone vertickt.
Wenn Doc ordentlich zugedröhnt ist, erscheint ihm der Geist der früh verstorbenen Musiklegende Hank Williams, mit dem Doc früher zu Lebzeiten als dessen Leibarzt und Saufkumpan von Konzert zu Konzert gezogen ist. Nun, wo er tot ist, umlauert Hank seinen Freund missmutig und eifersüchtig und man hat den Eindruck, dass er es nicht abwarten kann, bis Doc endlich seinen rußgeschwärzten Junkie-Löffel abgibt.
Bei Steve Earle, dem großartigen Countrymusiker, der hier seinen ersten Roman vorlegt, wird dieses Ghetto rasch zum Idyll, bevölkert von Gestalten, die fast alle irgendwo einen guten Kern haben. Auch wenn sie sich mal gegenseitig mit dem Messer an die Gurgel gehen oder den Schnapsladen hochnehmen. Das ist der Suff, you know. Am nächsten Tag isses wieder gut. Und wenn nicht alles gut geht, weil der alte Besitzer des Schnapsladens den Räubern ziemlich gut hinterher geschossen hat, dann ist immer noch Doc da, der im Hinterzimmer ordiniert und tut was er eben kann.
Ihn treibt keine besondere Menschenliebe, aber er hat sich an sein Milieu und dessen Bewohner gewöhnt. Da ist Marge, seine lesbische Vermieterin in der Pension Yellow Rose, die keine Schwarzen ins Haus lässt und ständig auf ihre Freundin eifersüchtig ist. Big Manny sein mexikanischer Dealer, mit dem er nach dem Dienst in Teresas Kneipe Domino spielt. Der korrupte Cop, die süchtigen Nutten und eben Hank der Geist. Alle diese Leute haben irgendwann ein paar falsche Entscheidungen getroffen. Entscheidungen, die sie längst bereuen, aber es hilft nichts. Es führt kein Weg zurück. Wenn nicht ein Wunder geschieht.
In Steve Earles Buch hört das Wunder auf den Namen Graciela. Sie ist eine junge Mexikanerin, die bei Doc nach einer Abtreibung fast verblutet und dann "hängen bleibt". Und mit dieser zierlichen jungen Frau, die von ihrem Großvater die Gabe des Heilens geerbt hat, ändert sich alles.
Sterblichkeit, sagt Earle im Interview, sei für ihn das große Thema dieses Romans gewesen, auch dadurch beeinflusst, dass während der Schreibarbeiten sein Vater verstorben ist. Das Buch ist keine große außergewöhnliche Literatur, aber man lässt sich gerne auf diesen Erzählton ein. Und obwohl im Fortgang der Story auch noch richtige Bösewichter auftauchen und alles auf einen fulminanten Showdown zusteuert, ist der bestimmende Sound des Romans ein versöhnlicher ruhiger Bass.
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Dienstag, 2. August 2011
Donnerstag, 31. März 2011
Ein strohdummer Märtyrer
Wer unvorbereitet zu diesem Buch greift und den Fehler begeht, sich auf den mitreißenden Erzählfluss dieser Geschichte emotional einzulassen, wird einen brutalen Tiefschlag nach dem anderen erleben. Der Niedergang des Helden Lemuel Pitkin wird so staubtrocken und beiläufig erzählt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Das Buch stammt vom weithin unbekannten US-Autor und Hollywood-Lohnschreiber Nathanael West und ist im Jahr 1934, noch sehr unter dem Einfluss der großen Weltwirtschaftskrise erschienen. Nun wurde es in einer frisch bearbeiteten Übersetzung von Dieter E. Zimmer, der auch ein langes und aufschlussreiches Nachwort schrieb, neu aufgelegt.
Die tragisch komische Farce beginnt damit, dass ein Rechtsanwalt die Nachricht überbringt, dass die Hypothek auf das Haus, in dem der 17-jährige Lemuel Pitkin mit seiner Mutter wohnt, binnen zwei Monaten fällig gestellt wird. Zeit genug, um in einem so tollen Land wie den USA sein Glück zu machen, befindet Mister Whipple, der im Ort eine Bank betreibt. Lem verpfändet also die einzige Kuh - bekommt dafür von Mister Whipple lachhafte 28 Dollar und zieht voll Optimismus und Tatkraft in Richtung New York.
Am Weg zum Bahnhof rettet er die gleichaltrige Betty, in die er heimlich verschossen ist, vor einem tollwütigen Hund und einem brutalen Rüpel. Mit dem Ergebnis, dass er - als er schon gewonnen hat - überlistet und brutal bewusstlos geschlagen wird. Betty wird vergewaltigt und später von Mädchenhändlern in ein Bordell verschleppt. Lem ahnt davon nichts, zieht weiter nach New York, wird aber bereits im Zug so gründlich betrogen, dass er seine Barschaft verliert und obendrein - falsch beschuldigt - im Gefängnis landet. Dort zieht man ihm zur Begrüßung - und zur Vermeidung von Infektionen - gleich prophylaktisch alle Zähne. Wir halten mittlerweile gerade mal auf Seite 25 des Romans und die Zähne sollten bei weitem nicht die letzten Körperteile sein, die Lem im weiteren Fortgang der Geschichte einbüßt.
West schrieb diesen Roman als eine persönliche Abrechnung mit dem Bestsellerautor Horatio Alger, der in seiner Jugendzeit in den USA millionenfach verbreitet war und in dessen Schmonzetten trotz aller Unbill des Lebens immer das Gute die Oberhand behielt. West drehte diese verlogene Botschaft radikal und konsequent ins Gegenteil. Er belässt es dabei aber nicht bei einer absurden Tragikomödie, sondern schafft beiläufig auch noch eine recht schlüssige Parabel auf die Entstehung und die Motive des Faschismus, der auf der anderen Seite des Atlantik gerade zu fataler Form aufläuft. Faschismus wird hier als eine Bewegung dumpfer ideenloser Verlierer charakterisiert, die tatsächlich erlittenes Unrecht mit brachialer Wut auf alles Fremdartige beantworten. Und wer könnte sich für so eine Bewegung besser als Märtyrer eignen, als ein Naivling wie Lem, der auf jeden erbaulichen Spruch und jede noch so hohltönende Rhetorik hereinfällt.
Ich fand das Buch kurzweilig und interessant. Auch wenn die Eindimensionalität der Charaktere manchmal recht krass wirkt, so befördert sie doch den komischen Reiz dieser wirklich außerordentlichen Erzählung, wo ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgt.
Die tragisch komische Farce beginnt damit, dass ein Rechtsanwalt die Nachricht überbringt, dass die Hypothek auf das Haus, in dem der 17-jährige Lemuel Pitkin mit seiner Mutter wohnt, binnen zwei Monaten fällig gestellt wird. Zeit genug, um in einem so tollen Land wie den USA sein Glück zu machen, befindet Mister Whipple, der im Ort eine Bank betreibt. Lem verpfändet also die einzige Kuh - bekommt dafür von Mister Whipple lachhafte 28 Dollar und zieht voll Optimismus und Tatkraft in Richtung New York.
Am Weg zum Bahnhof rettet er die gleichaltrige Betty, in die er heimlich verschossen ist, vor einem tollwütigen Hund und einem brutalen Rüpel. Mit dem Ergebnis, dass er - als er schon gewonnen hat - überlistet und brutal bewusstlos geschlagen wird. Betty wird vergewaltigt und später von Mädchenhändlern in ein Bordell verschleppt. Lem ahnt davon nichts, zieht weiter nach New York, wird aber bereits im Zug so gründlich betrogen, dass er seine Barschaft verliert und obendrein - falsch beschuldigt - im Gefängnis landet. Dort zieht man ihm zur Begrüßung - und zur Vermeidung von Infektionen - gleich prophylaktisch alle Zähne. Wir halten mittlerweile gerade mal auf Seite 25 des Romans und die Zähne sollten bei weitem nicht die letzten Körperteile sein, die Lem im weiteren Fortgang der Geschichte einbüßt.
West schrieb diesen Roman als eine persönliche Abrechnung mit dem Bestsellerautor Horatio Alger, der in seiner Jugendzeit in den USA millionenfach verbreitet war und in dessen Schmonzetten trotz aller Unbill des Lebens immer das Gute die Oberhand behielt. West drehte diese verlogene Botschaft radikal und konsequent ins Gegenteil. Er belässt es dabei aber nicht bei einer absurden Tragikomödie, sondern schafft beiläufig auch noch eine recht schlüssige Parabel auf die Entstehung und die Motive des Faschismus, der auf der anderen Seite des Atlantik gerade zu fataler Form aufläuft. Faschismus wird hier als eine Bewegung dumpfer ideenloser Verlierer charakterisiert, die tatsächlich erlittenes Unrecht mit brachialer Wut auf alles Fremdartige beantworten. Und wer könnte sich für so eine Bewegung besser als Märtyrer eignen, als ein Naivling wie Lem, der auf jeden erbaulichen Spruch und jede noch so hohltönende Rhetorik hereinfällt.
Ich fand das Buch kurzweilig und interessant. Auch wenn die Eindimensionalität der Charaktere manchmal recht krass wirkt, so befördert sie doch den komischen Reiz dieser wirklich außerordentlichen Erzählung, wo ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgt.
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Eine glatte Million,
Nathanael West
Montag, 2. August 2010
Reine Wollensstärke
Wollensstärke, das ist so eine Sache. Wenn der Tierarzt kommt, dieses Scheusal, ist es natürlich von Vorteil, wenn er weit weg ist. Oder man zumindest davonlaufen kann. Doch leider finden sie sich jedesmal wieder drin im Pferch, die ganze Schafsherde. Eingesperrt. Und der Tierarzt hat dann keine Mühe, sie zu schikanieren. Indem er sie mit Nadeln sticht, oder ihre Klauen bearbeitet - oder sonstige unangenehme Prozenduren vornimmt.
Was wäre also die Lösung? Nicht in dem Pferch gehen, beispielsweise. Widerstehen. Dazu braucht es aber gewaltige Wollensstärke. Denn wenn Rebecca die Schäferin mit dem köstlichen Kraftfutter kommt und es im Pferch ausstreut, und sich der Duft über die ganze Weide verbreitet - wer wollte da widerstehen?
Einen gibt es: Den seltsamen ungeschorenen Widder, mit seiner unglaublichen Wollensstärke. Der geht einfach nicht rein. Das wäre doch ein Vorbild? Einfach nicht reingehen, wenn Rebecca ihren Köder ausstreut,...
Man taucht in diesem wunderbaren Schafskrimi in eine vollständig kuriose Welt ein - betrachtet die Menschen aus der Schafsperspektive. Und dann wird ermittelt. Sogar mit Hilfe der Ziegen, dieser vollständig vertrottelten stinkenden Tiere, die auch noch stolz auf ihre Verrücktheit sind. Leider werden sie gebraucht, weil sie über ein toll getarntes Loch in ihrem Zaun verfügen und außerdem Französisch verstehen. Diese fürchterliche Sprache in diesem Land, in das sie leider Gottes, aus Irland kommend, geraten sind. Neben ein Schloss, das früher eine Irrenanstalt war. Mit einem Werwolf, einem Garou, der Rehe umbringt und diese zu fürchterlichen Blut-Kunstwerken im Schnee ausbreitet. Ungemütlicher hätte ihr neues Zuhause nicht ausfallen können. Und Rebecca, ihre Schäferin, die sie alle sehr mögen, kapiert leider gar nichts. Weiß nicht in welcher Gefahr sie steckt und lässt sich auch noch mit den völlig falschen Männern ein.
Man gewöhnt sich rasch an diese amüsante Bande von Ermittlern, die meist haarsträubend daneben liegen mit ihrem kriminalistischen Eifer. Doch auch das ist rasend komisch: wenn sie vollständig ohne Gewissensbisse ein Todesopfer verschwinden lassen, weil sie meinen, ihre Schäferin hätte den Mann erschossen. Oder wenn sie einem Lastauto in der Garage eine pädagogische Geschichte erzählen, in der Hoffnung, es würde endlich aufwachen und dann aus Dankbarkeit die ganze Schafsherde fort bringen aus diesem mörderischen Umfeld.
Leonie Swann bezaubert mit ihrem zweiten Schafskrimi. Sie hat das Kunststück geschafft, einen der atemberaubendsten Perspektivenwechsel der Krimiliteratur vorzunehmen und verhilft uns damit zu einem außergewöhnlichen Vergnügen.
Was wäre also die Lösung? Nicht in dem Pferch gehen, beispielsweise. Widerstehen. Dazu braucht es aber gewaltige Wollensstärke. Denn wenn Rebecca die Schäferin mit dem köstlichen Kraftfutter kommt und es im Pferch ausstreut, und sich der Duft über die ganze Weide verbreitet - wer wollte da widerstehen?
Einen gibt es: Den seltsamen ungeschorenen Widder, mit seiner unglaublichen Wollensstärke. Der geht einfach nicht rein. Das wäre doch ein Vorbild? Einfach nicht reingehen, wenn Rebecca ihren Köder ausstreut,...
Man taucht in diesem wunderbaren Schafskrimi in eine vollständig kuriose Welt ein - betrachtet die Menschen aus der Schafsperspektive. Und dann wird ermittelt. Sogar mit Hilfe der Ziegen, dieser vollständig vertrottelten stinkenden Tiere, die auch noch stolz auf ihre Verrücktheit sind. Leider werden sie gebraucht, weil sie über ein toll getarntes Loch in ihrem Zaun verfügen und außerdem Französisch verstehen. Diese fürchterliche Sprache in diesem Land, in das sie leider Gottes, aus Irland kommend, geraten sind. Neben ein Schloss, das früher eine Irrenanstalt war. Mit einem Werwolf, einem Garou, der Rehe umbringt und diese zu fürchterlichen Blut-Kunstwerken im Schnee ausbreitet. Ungemütlicher hätte ihr neues Zuhause nicht ausfallen können. Und Rebecca, ihre Schäferin, die sie alle sehr mögen, kapiert leider gar nichts. Weiß nicht in welcher Gefahr sie steckt und lässt sich auch noch mit den völlig falschen Männern ein.
Man gewöhnt sich rasch an diese amüsante Bande von Ermittlern, die meist haarsträubend daneben liegen mit ihrem kriminalistischen Eifer. Doch auch das ist rasend komisch: wenn sie vollständig ohne Gewissensbisse ein Todesopfer verschwinden lassen, weil sie meinen, ihre Schäferin hätte den Mann erschossen. Oder wenn sie einem Lastauto in der Garage eine pädagogische Geschichte erzählen, in der Hoffnung, es würde endlich aufwachen und dann aus Dankbarkeit die ganze Schafsherde fort bringen aus diesem mörderischen Umfeld.
Leonie Swann bezaubert mit ihrem zweiten Schafskrimi. Sie hat das Kunststück geschafft, einen der atemberaubendsten Perspektivenwechsel der Krimiliteratur vorzunehmen und verhilft uns damit zu einem außergewöhnlichen Vergnügen.
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Krimi,
Leonie Swann
Donnerstag, 14. Januar 2010
Asphaltfleisch
"Sie wissen es ja eigentlich, dass sie früher oder später Asphaltfleisch werden. Früher oder später erledigt sie jemand, als wären sie Schlachtvieh. Eine Frage der Zeit. Manchmal nicht einmal von viel Zeit." Der 45-jährige italienische Journalist und Drehbuchautor Giampaolo Simi widmet sich in seinem neuen Krimi der Camorra, den neapolitanischen Familienclans, die als kriminelle Parasiten der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft die Fäden ziehen. Simi präsentiert uns diese Typen mit den Augen von "Rosa elettrica", so der italienische Titel des Romans. Die elektrische Rosa ist eine 30-jährige Polizistin, gescheiterte Philosophie-Studentin, die durch eine Reihe eher unerfreulicher Ereignisse bei der Polizei gelandet ist: beispielsweise den Konkurs und psychischen Niedergang ihres Vaters, der ein wenig zu früh auf den Trend zu Bio-Lebensmitteln setzte - und damit finanziellen Schiffbruch erlitt. Erst ganz am Ende dieses unglaublich dichten und berührenden Werks wird Rosa drauf kommen, dass auch diese persönliche Tragödie ihrer Familie unmittelbar mit den Machenschaften der Camorra zu tun hat.
Rosa bekommt den Auftrag, als "Schwester" eines Aussage-willigen Mafiakillers aufzutreten und diesen Typen zu bewachen, bis seine Papiere und seine zweite Existenz im Zeugenschutzprogramm vorbereitet sind. Eine Woche, wird sie beruhigt, soll sie durchhalten, dann ist sie diesen Typ wieder los. Doch es kommt anders.
Dieser Typ, das ist Cociss - ein 18jähriger schwer kokainsüchtiger Mafia-Jungstar, der sich nach seinem Hund benannt hat. Einem Bullterrier-Weibchen, das er im Volksschulalter gemeinsam mit seinem Bruder zum Kampfhund ausgebildet hat. Mit martialischen Methoden. Der Hund hat ihn dabei fast umgebracht und sein Hinterkopf ist von Narben übersät. Doch die Ausbildung war erfolgreich. Sein Hund entwickelte sich zum gefürchteten Champion, bis das Tier eines Tages einen Kampf nur knapp überlebte. Cociss entführte seinen Hund aus der Arena, um ihm das Leben zu retten. Er päppelte ihn langsam wieder auf - und der Bullterrier lernte blind und verrückt wieder einigermaßen zu humpeln. Bis Cociss von seinem unmittelbaren Vorgesetzten im Regime der Camorra seine erste Pistole geschenkt bekam. Und als Zeichen seiner Unterordnung und Disziplin den Hund erschießen sollte. Cociss bestand die Aufnahmeprüfung.
Dieses psychisch schwer missbrauchte mörderische Kind, dieser Analphabet der wenige Kilometer neben dem Meer wohnt, es aber noch nie gesehen hat - weil seine Arbeit als lokaler Drogenboss ständige Kontrolle und Anwesenheit erforderte – dieser überhebliche unberechenbare Bastard weiht Rosa in einige seiner intimen Geheimnisse ein. Aus Berechnung, aus Zuneigung - das bleibt unklar. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, die zwischen den Polen extremer Abscheu und einer abartigen Form gegenseitiger Anziehung schwankt. Es ist keine lineare Entwicklung, sondern ein heftiger Schleuderkurs, der Rosa und Cociss einaher näher bringt und - über eine dramatische Flucht nach Deutschland und schließlich nach Schottland - treibt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt in einem Roman eine derart spannende Beziehung zweier so kontroverser Charaktere erlebt habe wie hier zwischen der Polizistin und dem jungen Mafioso.
Giampaolo Simi hat mit diesem Roman auch im deutschen Sprachraum seinen Ruf als einer der interessantesten italienischen Krimi-Autoren gefestigt. Er versteht die Kunst der Nuancierung ebenso wie den dramatischen Suspense. Und er gewährt Einblicke in die Persönlichkeitsstrukturen und das Beziehungsgeflecht zwischen Polizei und Mafia, die über die bekannten Klischees weit hinaus gehen.
Am Ende sitzt Rosa mit dem Transvestiten Joséphine im Morgengrauen. Sie weint nicht. Sie weint nie mehr, nimmt sie sich vor. Aus Angst, dass sich mit den Tränen auch das Gesicht des untergetauchten Mafia-Bosses auflösen könnte, der aus der Anonymität die Fäden zieht und für all den Schmerz verantwortlich ist.
"Ich werde warten", endet der Roman. "Ich werde warten, bis sich der Schmerz in Mut verwandelt."
Besser kann man auf eine (hoffentlich bald erscheinende) Fortsetzung nicht einstimmen!
Giampaolo Simi "Camorrista" (Übersetzer: Ulrich Hartmann), Verlag C. Bertelsmann 2009, 19,95€
Rosa bekommt den Auftrag, als "Schwester" eines Aussage-willigen Mafiakillers aufzutreten und diesen Typen zu bewachen, bis seine Papiere und seine zweite Existenz im Zeugenschutzprogramm vorbereitet sind. Eine Woche, wird sie beruhigt, soll sie durchhalten, dann ist sie diesen Typ wieder los. Doch es kommt anders.
Dieser Typ, das ist Cociss - ein 18jähriger schwer kokainsüchtiger Mafia-Jungstar, der sich nach seinem Hund benannt hat. Einem Bullterrier-Weibchen, das er im Volksschulalter gemeinsam mit seinem Bruder zum Kampfhund ausgebildet hat. Mit martialischen Methoden. Der Hund hat ihn dabei fast umgebracht und sein Hinterkopf ist von Narben übersät. Doch die Ausbildung war erfolgreich. Sein Hund entwickelte sich zum gefürchteten Champion, bis das Tier eines Tages einen Kampf nur knapp überlebte. Cociss entführte seinen Hund aus der Arena, um ihm das Leben zu retten. Er päppelte ihn langsam wieder auf - und der Bullterrier lernte blind und verrückt wieder einigermaßen zu humpeln. Bis Cociss von seinem unmittelbaren Vorgesetzten im Regime der Camorra seine erste Pistole geschenkt bekam. Und als Zeichen seiner Unterordnung und Disziplin den Hund erschießen sollte. Cociss bestand die Aufnahmeprüfung.
Dieses psychisch schwer missbrauchte mörderische Kind, dieser Analphabet der wenige Kilometer neben dem Meer wohnt, es aber noch nie gesehen hat - weil seine Arbeit als lokaler Drogenboss ständige Kontrolle und Anwesenheit erforderte – dieser überhebliche unberechenbare Bastard weiht Rosa in einige seiner intimen Geheimnisse ein. Aus Berechnung, aus Zuneigung - das bleibt unklar. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, die zwischen den Polen extremer Abscheu und einer abartigen Form gegenseitiger Anziehung schwankt. Es ist keine lineare Entwicklung, sondern ein heftiger Schleuderkurs, der Rosa und Cociss einaher näher bringt und - über eine dramatische Flucht nach Deutschland und schließlich nach Schottland - treibt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt in einem Roman eine derart spannende Beziehung zweier so kontroverser Charaktere erlebt habe wie hier zwischen der Polizistin und dem jungen Mafioso.
Giampaolo Simi hat mit diesem Roman auch im deutschen Sprachraum seinen Ruf als einer der interessantesten italienischen Krimi-Autoren gefestigt. Er versteht die Kunst der Nuancierung ebenso wie den dramatischen Suspense. Und er gewährt Einblicke in die Persönlichkeitsstrukturen und das Beziehungsgeflecht zwischen Polizei und Mafia, die über die bekannten Klischees weit hinaus gehen.
Am Ende sitzt Rosa mit dem Transvestiten Joséphine im Morgengrauen. Sie weint nicht. Sie weint nie mehr, nimmt sie sich vor. Aus Angst, dass sich mit den Tränen auch das Gesicht des untergetauchten Mafia-Bosses auflösen könnte, der aus der Anonymität die Fäden zieht und für all den Schmerz verantwortlich ist.
"Ich werde warten", endet der Roman. "Ich werde warten, bis sich der Schmerz in Mut verwandelt."
Besser kann man auf eine (hoffentlich bald erscheinende) Fortsetzung nicht einstimmen!
Giampaolo Simi "Camorrista" (Übersetzer: Ulrich Hartmann), Verlag C. Bertelsmann 2009, 19,95€
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Samstag, 9. Januar 2010
Rasante Freibeuter-Action
Für mich war dieses Buch, das nach Michael Crichtons Tod auf dessen Computer gefunden wurde, eigenartigerweise das erste dieses Autors. Viele Male hatte ich mir schon vorgenommen, endlich mal eine Kostprobe der gerühmten Spannungsdramaturgie zu nehmen. Ein Freund schwärmte mir vor, dass es - etwa für einen Flug in die USA - überhaupt keine bessere Literatur gäbe, als eben einen Crichton. Zudem habe ich hier und da auch interessante Zitate aus Interviews gelesen, die mich neugierig auf diesen Schriftsteller - mit Ursprungsberuf Arzt - machten.
Eine Piratengeschichte zu lesen, klang für mich zunächst völlig absurd: Freibeuter in der Karibik, spanische Schiffe überfallen, Goldschätze stehlen. Hier scheint beinahe jede Wendung schon genommen - bis hin zur komisch-absurden Persiflage, wie im "Fluch der Karibik".
Aber irgendwie hat mich gerade dieses - bereits von hundert Seiten beleuchtete - Thema gelockt: was würde ein Könner wie Crichton hier beitragen, wie geht er das Thema an, wie zeichnet er die Figuren?
Es beginnt wie bei Ocean's Eleven mit der Sammlung eines wirklich hervorragend skurrilen Rattenpacks von Abenteurern, mit denen die Hauptfigur Captain Charles Hunter einen spektakulären Raubzug auf eine spanische Festung plant. Jedes Mitglied im Team hat ein paar Macken, aber auch spezielle Fähigkeiten, die später wichtig werden. Crichton skizziert die Figuren mit schnellen Strichen. Sie werden damit nicht wirklich "echt" - aber vorstellbar. Sie stürzen sich ins Abenteuer - und hier folgt das, was mich bei diesem Roman am meisten begeistert hat: Die Handlung ist nie vorhersehbar, bietet abenteuerliche Wendungen, wenn man diese nicht erwartet - und folgt strikt dem Plan, wenn man mit heftigen Zwischenfällen rechnet. Einige der Einfälle sind wahrhaft grandios. Dazu sind die Kapitel kurz und knapp, es gibt kaum Schnörkel oder Ausschweifungen.
Ich hatte das Buch in drei Tagen durch, las es mit Freude und großer Spannung. Abgesehen vielleicht vom Angriff eines See-Ungeheuers. Damit hat Crichton nur ein einziges Mal den Handlungsbogen zur Kitschgrenze überspannt. Angeblich hat sich ja Spielberg bereits die Filmrechte an den "Pirate Latitudes" gesichert - und ich habe mir eingeredet, dass diese Szene wohl auf einer Anregung dieses großen Kindskopfes beruht.
Von diesem Blödsinn abgesehen ist Crichtons letztes Buch aber ein ganz tolles makelloses Werk der unkomplizierten Spannungslektüre. Es wäre ein äußerst kurzweiliger Übersee-Flug geworden.
Michael Crichton "Gold - Pirate Latitudes", (Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann), Karl Blessing Verlag, 2009, 19,95 €
Eine Piratengeschichte zu lesen, klang für mich zunächst völlig absurd: Freibeuter in der Karibik, spanische Schiffe überfallen, Goldschätze stehlen. Hier scheint beinahe jede Wendung schon genommen - bis hin zur komisch-absurden Persiflage, wie im "Fluch der Karibik".
Aber irgendwie hat mich gerade dieses - bereits von hundert Seiten beleuchtete - Thema gelockt: was würde ein Könner wie Crichton hier beitragen, wie geht er das Thema an, wie zeichnet er die Figuren?
Es beginnt wie bei Ocean's Eleven mit der Sammlung eines wirklich hervorragend skurrilen Rattenpacks von Abenteurern, mit denen die Hauptfigur Captain Charles Hunter einen spektakulären Raubzug auf eine spanische Festung plant. Jedes Mitglied im Team hat ein paar Macken, aber auch spezielle Fähigkeiten, die später wichtig werden. Crichton skizziert die Figuren mit schnellen Strichen. Sie werden damit nicht wirklich "echt" - aber vorstellbar. Sie stürzen sich ins Abenteuer - und hier folgt das, was mich bei diesem Roman am meisten begeistert hat: Die Handlung ist nie vorhersehbar, bietet abenteuerliche Wendungen, wenn man diese nicht erwartet - und folgt strikt dem Plan, wenn man mit heftigen Zwischenfällen rechnet. Einige der Einfälle sind wahrhaft grandios. Dazu sind die Kapitel kurz und knapp, es gibt kaum Schnörkel oder Ausschweifungen.
Ich hatte das Buch in drei Tagen durch, las es mit Freude und großer Spannung. Abgesehen vielleicht vom Angriff eines See-Ungeheuers. Damit hat Crichton nur ein einziges Mal den Handlungsbogen zur Kitschgrenze überspannt. Angeblich hat sich ja Spielberg bereits die Filmrechte an den "Pirate Latitudes" gesichert - und ich habe mir eingeredet, dass diese Szene wohl auf einer Anregung dieses großen Kindskopfes beruht.
Von diesem Blödsinn abgesehen ist Crichtons letztes Buch aber ein ganz tolles makelloses Werk der unkomplizierten Spannungslektüre. Es wäre ein äußerst kurzweiliger Übersee-Flug geworden.
Michael Crichton "Gold - Pirate Latitudes", (Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann), Karl Blessing Verlag, 2009, 19,95 €
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Belletristik,
Gold - Pirate Latitudes,
Michael Crichton,
Roman
Betrüger im Paradies
Der südafrikanische Autor Damon Galgut erschafft in diesem Roman Charaktere, die völlig eigenständig sind und keinerlei Klischee entsprechen. Dasselbe gilt für die Handlung: Sie hört sich so eigenartig an, dass man darin kaum Spannung vermutet. Doch das täuscht. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen.
Adam, ein Aussteiger in der Midlife-Crises, der Job und Haus verloren hat, erinnert sich an seinen Jugendtraum, Gedichte zu schreiben. Sein Bruder bietet ihm ein Haus in einer abgelegenen Gegend an, das er einst gekauft und gleich wieder vergessen hat.
Dort lebt Adam untätig in den Tag hinein, verliert sich immer mehr in Tagträumen, die rapide in Wahnsinn und Depression führen. Er ist zu nichts fähig. Weder kann er das Unkraut entfernen, das seinen Garten überwuchert - noch findet er die ersehnte lyrische Inspiration. Seinem fleißigen Nachbarn Blom weicht er aus. Sogar als dieser Adams Wasserpumpe repariert, verachtet er ihn weiter als ungebildetes Landei. Bloms Annäherungsversuche sind wiederum höchst unbeholfen. Ab und zu kommt er halb betrunken mit billigem Brandy zu Adam, der ihm angeekelt ausweicht.
Schließlich begegnet Adam zufällig seinem ehemaligen Mitschüler Canning, einem zwiespältigen Menschen, der von seinem Vater ein regelrechtes Paradies geerbt hat: Gondwana. Canning, hasste seinen Vater inbrünstig - und nach und nach stellt sich heraus, dass Canning vor allem eine große Idee antreibt: sich über den Tod hinaus an seinem Vater zu rächen. Sogar die Wahl der schwarzen Ex-Prostitutierten "Baby" als neue Ehefrau sieht Canning als eine Abrechnung an dem weißen Jäger und Patriarchen.
Galguts Figuren sind alles andere als sympathisch. Adam, der in allen seinen Lebenszielen und Gefühlen kalt und egoistisch bleibt. Der rätselhafte Blom, der sich absolut sicher ist, dass Adam ihn eines Tages töten wird. Canning mit seinen schizophrenen Schwankungen von innigster Zuneigung zu sofortigem abgrundtief zynischem Hass. Und schließlich Baby, die in Ihrem Leben vor allem eines gelernt hat: dass Ihre makellose Schönheit Kapital ist, das besser von ihr selbst, als von anderen benutzt wird, um damit Ziele zu erreichen. So betrügt sie Canning skrupellos - auch mit Adam, der über der Sehnsucht nach Sex plötzlich wieder zum Dichter wird.
Das Buch entwickelt eine enorm dichte Atmosphäre. Galgut führt tief in das "neue Südafrika", mit seinen turbokapitalisitischen Boom-Städten, dem Elend in den rasch herausgestampften Slums mit Namen wie "Nuwe Hoop" - und den allzeit korruptionsbereiten Politikern. Und er zeigt ein faszinierendes Beziehungsgeflecht, das aus einer Vergangenheit wuchert, die von allen Beteiligten verdrängt und gefürchtet wird. Ein hervorragender Roman.
Damon Galgut "Der Betrüger" (Übersetzer: Thomas Mohr), Verlag Manhattan 2009, 19,95 €
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Belletristik,
Damon Galgut,
Der Betrüger,
Roman
Freitag, 8. Januar 2010
Beat räumt auf
Eine faszinierende Spannung entwickelt dieser Roman von Franz Dobler, ich habe stilistisch seit langem nichts Besseres gelesen. Beat heißt nicht nur die Hauptfigur, auch der Rhythmus der Geschichte hat einen dampfenden dröhnenden Beat. Das beginnt bereits mit dem ersten Satz: "Austickender Mann in der Straßenbahn". Eine Episode, die jeder kennt: ein Spinner schreit herum - ohne erkennbaren Grund. Ein frustrierter Typ knapp vor dem Amoklauf.
Auch Beat selbst führt ein Leben nahe am psychischen und existenziellen Abgrund - mit drei Jobs und wenig Zukunft. Bis er durch eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße in eine humorige, spannende und abartige Love- & Crimestory schlittert.
Ich habe letztes Jahr Doblers informative und detailverliebte Cash-Biografie gelesen. Hier in der Romanform kann er nun endlich seinen lyrischen Freestyle pflegen. Und der ist vom Feinsten! Ich habe dieses Buch gefressen, wie schon ewig keines mehr seit dem "Herr Lehmann". Wie Sven Regeners Bestseller geht auch "aufräumen" fast über vor irrwitzigen Charakteren und Dialogen, die eine sofortiger Verfilmung verlangen. Dazu noch eine perfekte Dramaturgie, die mit jeder Seite den Lese-Sog erhöht.
Unbedingte Kaufempfehlung!
Franz Dobler "Aufräumen", Originalausabe Verlag Kunstmann 2008, 17,90 €, Taschenbuch Bvt 2010, 8,95 €
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Aufräumen,
Belletristik,
Franz Dobler,
Roman
Ein erstaunlicher Krimi aus der Nazizeit
Wie gings zu im letzten Weltkriegswinter. In der völlig zerstörten Stadt Berlin, wo täglich die Tommys mit ihren Bombern kamen? Wie lebten die Menschen unter derartigen Umständen. Was machten die Umstände aus den Menschen?
Eine schöne Aussicht haben Sie hier, sagt der Gestapo Mann Kalterer zu einem 70jährigen Sozi, den er in dessen Wohnung verhört. "Ja," sagt der alte Mann, "alle beneiden mich um diese Aussicht. Und das beste ist: Sie ändert sich fast täglich." Der Gestapo Mann Kalterer schlägt ihm danach den Kopf zweimal mit voller Wucht auf die Tischplatte. Routiniert, so wie er es in seiner Ausbildung bei renitenten Verdächtigen gelernt hat.
Haas, der Mann, den er jagt, marodiert einstweilen in einem Blutrausch durch die Stadt. Er hat alles verloren, was ihn aufrecht hielt und auf der Spurensuche nach dem Untergang seiner Familie kommt alles schlimmer und schlimmer.
Kalterer, der karrieregeile Gestapo Mann, hat noch Hoffnung. Hoffnung seine Frau wieder zu gewinnen. Seine Frau Merit, die die Nazis hasst und sich vor ihm ekelt.
Kalterer und Haas sind die beiden Haupt-Charaktere in diesem fantastischen Sittenbild, das seinen Detailreichtum wohl den Hauptberufen der beiden (!) Autoren verdankt. Sie sind Historiker und sie sind noch etwas: Begnadete Geschichtenerzähler, die es verstehen den Leser in einen Sog von Spannung zu ziehen, der gegen Ende hin immer noch mehr zunimmt. Ein unglaubliches Debüt!!
Richard Birkefeld, Göran Hachmeister "Wer übrig bleibt, hat recht" Kriminalroman, 7,95 €
Eine schöne Aussicht haben Sie hier, sagt der Gestapo Mann Kalterer zu einem 70jährigen Sozi, den er in dessen Wohnung verhört. "Ja," sagt der alte Mann, "alle beneiden mich um diese Aussicht. Und das beste ist: Sie ändert sich fast täglich." Der Gestapo Mann Kalterer schlägt ihm danach den Kopf zweimal mit voller Wucht auf die Tischplatte. Routiniert, so wie er es in seiner Ausbildung bei renitenten Verdächtigen gelernt hat.
Haas, der Mann, den er jagt, marodiert einstweilen in einem Blutrausch durch die Stadt. Er hat alles verloren, was ihn aufrecht hielt und auf der Spurensuche nach dem Untergang seiner Familie kommt alles schlimmer und schlimmer.
Kalterer, der karrieregeile Gestapo Mann, hat noch Hoffnung. Hoffnung seine Frau wieder zu gewinnen. Seine Frau Merit, die die Nazis hasst und sich vor ihm ekelt.
Kalterer und Haas sind die beiden Haupt-Charaktere in diesem fantastischen Sittenbild, das seinen Detailreichtum wohl den Hauptberufen der beiden (!) Autoren verdankt. Sie sind Historiker und sie sind noch etwas: Begnadete Geschichtenerzähler, die es verstehen den Leser in einen Sog von Spannung zu ziehen, der gegen Ende hin immer noch mehr zunimmt. Ein unglaubliches Debüt!!
Richard Birkefeld, Göran Hachmeister "Wer übrig bleibt, hat recht" Kriminalroman, 7,95 €
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